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„In vielen Ländern der EU ist das Bewusstsein für eine fachgerechte Entsorgung deutlich gewachsen" – Frank Kampmann im Interview

08.09.2026

Wo industriell produziert wird, entstehen auch Sonderabfälle. Doch nicht jedes Land verfügt über geeignete Verwertungsanlagen. Internationale Zusammenarbeit ist daher eine wesentliche Voraussetzung für eine sichere Sonderabfallentsorgung in Europa. Im Interview spricht Frank Kampmann, Vertriebsleitung International bei REMONDIS Industrie Service, über aktuelle Projekte, länderspezifische Herausforderungen und die Folgen der Verlagerung von Produktionsstandorten innerhalb Europas.


Herr Kampmann, Sie sind berufsbedingt viel unterwegs. Wo waren Sie zuletzt im Einsatz?

Ich bin gerade von einer Reise in den östlichen Mittelmeerraum zurückgekehrt. Dort begleiten wir verschiedene Projekte, wo es für zahlreiche Sonderabfälle vor Ort noch keine geeigneten Behandlungs- oder Verwertungsmöglichkeiten gibt. Das betrifft unter anderem quecksilberhaltige Abfälle, Phosphorsäuren, Galvanikschlämme sowie Farb- und Lackschlämme oder Gase. Hier helfen wir bei der Entwicklung und Umsetzung sicherer Entsorgungslösungen.

Können Sie ein Beispiel für einen anspruchsvollen Sonderabfall nennen, für den Sie und Ihr Team eine Entsorgungslösung gefunden haben?

Ein aktuelles Beispiel sind lindanhaltige Abfälle aus Südosteuropa. Lindan wurde früher als Biozid unter anderem zur Saatgut- und Holzbehandlung sowie in der Human- und Veterinärmedizin eingesetzt. Seit vielen Jahren ist der Wirkstoff inzwischen verboten. Bei lindanhaltigen Abfällen handelt es sich quasi um historische Altlasten. Mit unseren technischen Anlagen und unserem Know-how können wir diese Abfälle fachgerecht behandeln und sicher entsorgen.

Der neue Statusbericht der deutschen Kreislaufwirtschaft betont, dass  für den Ausbau der Kreislaufführung gefährlicher Abfälle eine enge Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg nötig ist. Wie sieht das in der Praxis aktuell aus?

Das zeigt sich sehr deutlich. Mit der novellierten EU-Abfallverbringungsverordnung wurden die Anforderungen an Digitalisierung, Nachverfolgbarkeit und grenzüberschreitende Abfallverbringungen weiter verschärft. Gleichzeitig haben sich industrielle Produktionsstandorte in den letzten Jahren innerhalb Europas verlagert. Mit der Produktion entstehen auch die entsprechenden Sonderabfälle, denken wir beispielsweise an die Automobilindustrie in Mittel- und Osteuropa. Dort braucht es jetzt leistungsfähige Recycling- und Entsorgungslösungen. Genau hier bringen wir uns mit ein.
 

Sie haben einen wichtigen Punkt angesprochen: Wenn Produktionsstandorte ins Ausland verlagert werden, entsteht auch dort der Bedarf nach der Entsorgung anfallender Abfälle. Entsprechende Entsorgungsstrukturen müssen vorhanden sein oder geschaffen werden. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen, wenn Abfälle aus dem Ausland entsorgt werden müssen?

Eine Herausforderung ist, dass Unternehmen die Kosten für eine fachgerechte Entsorgung wirtschaftlich tragen können müssen und wollen. In einigen Ländern sind Deponierungen bestimmter Abfälle nach wie vor zugelassen und günstiger als eine hochwertige Behandlung oder stoffliche Verwertung. Das führt dazu, dass umweltverträglichere Wege wirtschaftlich leider noch nicht immer konkurrenzfähig sind. Umso wichtiger ist es, gemeinsam mit den Kunden tragfähige Konzepte zu entwickeln, die gesetzlichen Anforderungen, ökonomischen wie auch ökologischen Zielen gerecht werden.

Welche Argumente führen Sie pro Recycling und Verwertung an?

Für unsere Kunden spielen Wirtschaftlichkeit und eine verlässliche Abwicklung eine wichtige Rolle. Deshalb optimieren wir die gesamte Logistik und halten Transportwege effizient. Wo es sinnvoll und praktikabel ist, nutzen wir intermodale Transportkonzepte. Abfälle aus Italien transportieren wir beispielsweise größtenteils per Schiene. So lassen sich Transporte effizient organisieren und die Verwertung wirtschaftlich sinnvoll umsetzen.

Letztlich ist der Preis jedoch trotzdem häufig der entscheidende Faktor. Deshalb sind auch die Staaten gefordert, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Dazu gehört, die Deponierung geeigneter Abfälle zu reglementieren und Verstöße gegen geltende Entsorgungsvorschriften zu ahnden. Nur so können hochwertige Verwertungsverfahren im Wettbewerb bestehen.

Anders verhält es sich bei EU- oder UN-geförderten Projekten.

Können Sie ein Beispiel für ein UN-gefördertes Projekt nennen?

Ein Beispiel für von der EU oder den Vereinten Nationen geförderten Projekte ist die Entsorgung historischer Pestizidbestände in Bulgarien oder das bereits erwähnte Lindan-Projekt. Die Finanzierung erfolgt in diesen Fällen nicht über die Haushalte der betroffenen Staaten, sondern über internationale Förderprogramme. Wir werden als Entsorgungspartner eingebunden und übernehmen die fachgerechte Umsetzung – von der Planung über die Logistik bis zur Behandlung der Abfälle.

Herr Kampmann, beobachten Sie in Europa positive Entwicklungen beim Recycling und der Verwertung von Industrieabfällen?

Ja, die Entwicklung ist insgesamt eindeutig positiv. In Ländern wie Bulgarien oder Rumänien wächst das Bewusstsein für eine fachgerechte Entsorgung und hochwertige Verwertung kontinuierlich. Dazu trägt wiederum auch dazu bei, dass sich dort zunehmend internationale Unternehmen ansiedeln. Diese stellen häufig höhere Anforderungen an Umweltstandards und sind bereit, umweltverträgliche Verwertungslösungen zu beauftragen. Insgesamt sehen wir daher, dass sich die Entwicklung in die richtige Richtung bewegt, auch wenn es je nach Land weiterhin Unterschiede gibt.

Gibt es Länder, in denen die internationale Geschäftsentwicklung schließlich zur Gründung eines eigenen Standorts geführt hat?

Das beste Beispiel ist Italien. Dort ist unser internationaler Vertrieb seit vielen Jahren aktiv. Aufgrund der positiven Entwicklung haben wir 2024 eine eigene Niederlassung in Fossano eröffnet. Von dort aus bauen wir unsere Aktivitäten weiter aus und schaffen zusätzliche regionale Verwertungskapazitäten. Ziel ist es, Abfälle möglichst nah am Entstehungsort zu behandeln. So führen wir beispielsweise Gespräche darüber, Sonderabfälle aus Malta künftig in Italien zu entsorgen.

Unterstützt REMONDIS Industrie Service auch Länder außerhalb Europas bei der Sonderabfallentsorgung?

In Asien hatten wir bereits ein Projekt zur Entsorgung von Pestiziden aus Hongkong. Auch aus den Golfstaaten übernehmen wir regelmäßig Sonderabfälle und sind an verschiedenen Projekten beteiligt. Eine Herausforderung sind dabei jedoch die gestiegenen Logistik- und Transportkosten.

Wie wird sich die internationale Zusammenarbeit bei der Sonderabfallentsorgung aus Ihrer Sicht entwickeln?

Ich blicke sehr positiv in die Zukunft. Unser internationales Team ist in den vergangenen Jahren gewachsen und die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut. Gleichzeitig steigt in vielen Ländern – insbesondere innerhalb der EU – das Bewusstsein für eine fachgerechte Entsorgung. Das spiegelt sich auch in unserer Arbeit wider. Die Entwicklung in Ländern wie Irland oder Großbritannien, wo wir die Pharma- und Halbleiterindustrie unterstützen, ist für uns eine echte Erfolgsgeschichte. An solchen Partnerschaften sehen wir, dass sich langfristiger Aufbau auszahlt.

Vielen Dank für das Gespräch.


Bildnachweis: REMONDIS


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