IFAT 2026 Rückblick: Diese Recycling- und Sonderabfall-Themen beschäftigen die Branche
11.05.2026
Selten sind Münchens U- und S-Bahnen in Richtung Messegelände so stark frequentiert wie zur IFAT-Zeit. Daran zeigt sich, welche große Relevanz das zentrale Messethema Kreislaufwirtschaft national wie international hat. Unternehmen, Start-ups, Verbände, Forschungseinheiten und Kommunen diskutierten an den vier Messetagen vor allem darüber, wie zirkuläre Prozesse systematisch gestärkt werden können. Ein Aspekt zog sich dabei durch viele Gespräche und Panels – der Umgang mit gefährlichen Abfällen.
Sicherheit beim Umgang mit gefährlichen Abfällen
Wie der pünktlich zur IFAT veröffentlichte Statusbericht der Kreislaufwirtschaft treffend feststellt, sind gefährliche Abfälle ein „unvermeidbarer Bestandteil unserer Produktions- und Konsumprozesse“. Entsprechend müsse der Umgang mit ihnen „sicher, ressourcenschonend und im Einklang mit den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft” erfolgen (Statusbericht der deutschen Kreislaufwirtschaft 2026, Seite 72). Der erstgenannte Punkt „Sicherheit“ war auch eines der Kernthemen im Sonderabfallbereich auf der IFAT. Ob es um die Elimination von PFAS oder das Ausschleusen von Schadstoffen aus Baustellenabfällen ging: Sicherheit stand bei allen Überlegungen und Entwicklungen im Mittelpunkt. Viele Innovationen fokussierten sich zudem auf die Erkennung von Fehlwürfen, beispielsweise mittels KI-trainierten Scannern in Abfallsammelfahrzeugen. Dadurch sollen Lachgaskartuschen, E-Vapes und Elektrogeräte mit Lithium-Akkus erkannt und aussortiert werden, damit sie beim Pressvorgang keine Brände auslösen und Schäden an Fahrzeugen oder Anlagen verursachen.
PFAS-Abtrennung versus PFAS-Zerstörung
Ein sehr präsentes Thema im Kontext der Sicherheitsdebatte sind PFAS. Die Ewigkeitschemikalien beschäftigen die Branche massiv, denn die EU plant ein umfassendes PFAS-Verbot. Zugleich wurden mit der Neufassung der Trinkwasserverordnung erstmals gesetzliche Grenzwerte für PFAS festgelegt. Industriebetriebe wie auch Kommunen arbeiten deshalb mit Hochdruck daran, Systeme nachzurüsten und verschiedene Ansätze zur PFAS-Entsorgung weiterzuentwickeln. Im Mittelpunkt standen dabei auch PFAS-belastete Sickerwässer, unter anderem aus Deponien.
Dementsprechend ging es auf den Stages ebenso wie an den Messeständen um Verfahren, Hürden und Lösungsansätze. Unternehmen aus der Umwelttechnik und dem Grundwassermanagement berichteten über Erfahrungen mit etablierten Verfahren zur Abtrennung beziehungsweise Entfernung von PFAS aus Wasser. Alternative Ansätze stellten Start-ups wie Oxyle oder PFASuiki vor. Die technologischen Ansätze und Mechanismen unterscheiden sich zwar, verfolgen jedoch ein gemeinsames Ziel: die Zerstörung von PFAS statt ihrer bloßen Abtrennung.
Gebäuderückbau, Schadstofferfassung und zirkuläres Bauen
Schadstoffbelastungen betreffen auch den Bau- und Gebäudesektor. Die Baubranche verursacht mit 7,8 Millionen Tonnen rund 31 Prozent des jährlich anfallenden gefährlichen Abfalls. Entsprechend groß ist der Fokus auf diesen Entstehungsbereich von Sonderabfällen. Auf der BDE-Bühne der IFAT stellte Prof. Dr. Christina Dornack, anmoderiert von Freya Sternkopf als BDE-Bereichsleiterin Mineralik und Sonderabfallwirtschaft, die Stellungnahme des Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU) zum zirkulären Bauen vor. Diese wurde bereits an Bundesumweltminister Carsten Schneider und Bundesbauministerin Verena Hubertz übergeben.
Dornack stellte gleich eingangs klar: Mit mehr als 20 Millionen Bestandsgebäuden in Deutschland müsse zirkuläres Bauen vor allem am Bestand ansetzen. Beim selektiven Rückbau gelte es, Schadstoffe wie Asbest, PCB, Schwermetalle oder alte Mineralwolle sauber zu erfassen und fachgerecht auszuschleusen, damit nicht belastete Materialien recycelt und weiterverwendet werden können. Dabei helfen digitale Instrumente wie Building Information Modeling (BIM), die bisher allerdings erst vereinzelt eingesetzt werden. Daraus leitet der Sachverständigenrat konkrete Forderungen ab:
- mehr Digitalisierung und bessere Informationen über verbaute Materialien
- mehr Wissenstransfer und Beratungsmöglichkeiten (Wo kann ich mich informieren, welche Erfahrungen gibt es bereits?)
- regulatorische Vorgaben und Anreize für Recyclingbaustoffe sowie die Wiederverwendung von Bauteilen
- stärkere Herstellerverantwortung
- Weiterführung der Diskussion um das Ende der Abfalleigenschaft und
- eine stärkere Vorbildfunktion der öffentlichen Hand als größtem Bauherrn Deutschlands beim zirkulären Bauen
Freya Sternkopf merkte im Anschluss an, dass über Jahre hinweg stark mit Verbundstoffen gebaut wurde – ein „dunkles“ Kapitel der Baugeschichte, da sich diese Materialien kaum trennen und recyceln lassen, also thermisch verwertet oder deponiert werden müssen. Das unterstreicht aber auch, dass die Sonderabfallverbrennung Bestandteil einer sicheren und nachhaltigen Kreislaufwirtschaft ist.
Recycling kritischer Rohstoffe und das Image von Sekundärrohstoffen
Ganz klar bleibt es im Gefahrstoff- und Sonderabfallbereich das Ziel, Stoffströme zu erschließen und Wertstoffe zurückzugewinnen. Auffällig war auf der IFAT die Selbstwahrnehmung einiger Start-ups. Sie verstehen sich längst nicht mehr nur als Recycler, sondern als Hersteller von (kritischen) Rohstoffen aus Abfällen. Die Liste kritischer Rohstoffe wird immer länger, geoökonomische Abhängigkeiten werden in diesen Tagen immer spürbarer. Demgegenüber steht Deutschland als rohstoffarmes Land. Ein zentraler Standortvorteil könnte aber laut IFAT-Panels darin liegen, Rohstoffe durch Aufbereitung in Deutschland beziehungsweise Europa zu halten. Besonders häufig ging es in den Diskussionen um das Thema „seltene Erden” und die Frage, wie hier mehr Wertschöpfung im eigenen Land aufgebaut werden könne. Wie immens groß das Potenzial ist, belegt die aktuelle BCG-BDI-Studie zur Circular Economy: Demnach könnten bis 2045 rund 20 bis 40 Prozent der Importe kritischer Rohstoffe durch Recycling ersetzt werden.
Martin Faulstich vom Institut für die Zukunft der Industriegesellschaft (INZIN Institut) brachte es am Mittwoch in einer IFAT-Diskussionsrunde auf den Punkt: Es spiele keine Rolle, ob Rohstoffe aus dem Boden oder aus Anlagen stammen – das zweitklassige Image von Sekundärrohstoffen müsse endlich enden.
Herstellerverantwortung und die benötigte Planungssicherheit
Einer der meistdiskutierten politischen Ansätze zur Förderung der Kreislaufwirtschaft war natürlich auch in München allgegenwärtig: die erweiterte Herstellerverantwortung (Extended Producer Responsibility, EPR). Dabei wurde deutlich, dass EPR vor allem bei Produktverantwortung, Ressourceneffizienz und kreislauffähigem Design ansetzt. Materialien und ihre spätere Rückgewinnung müssten bereits bei der Produktentwicklung mitgedacht werden. Ziel sei ein System, in dem Hersteller ein eigenes Interesse daran haben, Materialien im Kreislauf zu halten.
In mehreren Diskussionen ging es außerdem um die notwendige Planungssicherheit für mehr Zirkularität. Als Beispiel wurde das Recycling von E-Vapes angeführt, die Abfallanlagen aktuell Probleme bereiten. Für automatisierte Entsorgungslösungen brauche es Unternehmen, die sich damit intensiv auseinandersetzen. Stehen gleichzeitig aber mögliche Verbote im Raum, erschwert das Investitionen – auch wenn Verbote langfristig sinnvoll sein mögen. Als entscheidender Lösungsansatz wurde die Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette genannt: Hersteller, duale Systeme und Entsorgungsunternehmen müssten früher und enger zusammenarbeiten. Entscheidend seien Kooperationen und gemeinsame Lösungen.
Auf die Politik angewiesen, um ins Handeln zu kommen
In München schwang in allen Runden eine Botschaft mit: Kreislaufwirtschaft muss als Schlüsselfaktor für die Entwicklung des Industriestandortes verstanden werden. Nicht nur als Umwelt-, sondern ebenso als wirtschafts- und industriepolitisches Thema. Circular Economy macht Deutschland unabhängiger und resilienter, gerade mit Blick auf die Rückgewinnung kritischer Rohstoffe. Vertreter der Abfallwirtschaft forderten dafür verlässliche politische Rahmenbedingungen. REMONDIS-Geschäftsführer Thorsten Feld betonte auf der IFAT sinngemäß: Die technologischen Möglichkeiten seien vorhanden, jetzt brauche es einen stabilen Rechtsrahmen, um Investitionen abzusichern.
Der eingangs erwähnte Statusbericht der Kreislaufwirtschaft kommt zu dem Schluss, dass es für den Ausbau der Kreislaufführung gefährlicher Abfälle „nicht nur klare rechtliche Rahmenbedingungen und eine enge Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg, sondern auch Investitionen in innovative Technologien, digitale Nachweissysteme und eine konsequente Ausrichtung auf Ressourcenschonung“ brauche. Künstliche Intelligenz werde dabei eine Schlüsselrolle spielen.
Dass Wirtschaft und Recyclingbranche bereits gemeinsam an konkreten Lösungen arbeiten, demonstrierte das auf dem Messegelände präsentierte Konzeptfahrzeug „reECONIC“ – ein von Mercedes-Benz Trucks in Zusammenarbeit mit 32 Partnern (u. a. TSR Group) entwickeltes batterieelektrisches Abfallsammelfahrzeug mit einem erhöhten Anteil an Recyclingmaterialien. Die begleitenden Studien zeigen, dass sich in der Theorie rund 80 Prozent der in der Serienversion sonst konventionell produzierten Materialien Stahl, Aluminium, Glas und Kunststoff durch Recyclingmaterialien und Natur- und biobasierte Materialien ersetzen lassen.
Bei aller Kritik und den bestehenden Herausforderungen wurde auf der IFAT aber auch eines deutlich: Die Kreislaufwirtschaft steht zwar unter Druck, zugleich kann die Branche selbstbewusst und stolz auf das bislang Erreichte blicken. Viele Unternehmen wie auch REMONDIS Industrie Service haben in den vergangenen Jahren massiv in Technologien und Modernisierung investiert. Darauf wird nun aufgebaut.
Bildnachweis: REMONDIS