„Wir haben nie vorschnell Nein gesagt." – Ursula Kaiser über den Pioniergeist der Schweizer Sonderabfallentsorgung
14.07.2026
Ursula Kaiser gilt als „Grande Dame“ der Schweizer Entsorgungswirtschaft. Als langjährige Geschäftsführerin der Chiresa AG, heute Tochterunternehmen der REMONDIS Schweiz AG, hat sie die Entwicklung der Sonderabfallentsorgung über Jahrzehnte hinweg maßgeblich mitgeprägt. In einer von Männern dominierten Branche war sie die erste und lange Zeit einzige Frau im Vorstand des Branchenverbands. Im Interview spricht sie über ihren Berufsweg, die Branche, deren Entwicklung und Zukunft.
Liebe Frau Kaiser, wie sind Sie zur Sonderabfallentsorgung gekommen?
Nach der Schule habe ich eine Lehre als Drogistin begonnen. Die Ausbildung war sehr praxisnah und bot Einblicke in viele Bereiche, darunter Pflanzenschutzmittel, Reinigungsprodukte und Kosmetik. Mich hat schon damals nicht nur der Verkauf, sondern vor allem die fachliche Seite interessiert. Deshalb absolvierte ich anschließend eine Ausbildung zur Laborantin. So konnte ich mein kaufmännisches Wissen um ein tiefgreifendes chemisches Verständnis ergänzen.
Danach war ich zwölf Jahre lang als Prokuristin in einem deutschen Entsorgungsunternehmen tätig. Die Sonderabfallbranche war damals noch sehr überschaubar. 1986 orientierte ich mich beruflich in die Schweiz um. Ich fing bei Chiresa an und trat dort später in die Geschäftsleitung ein.
Als Sie in die Schweiz wechselten, befand sich die Sonderabfallentsorgung noch in einer frühen Entwicklungsphase. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
In den 1980er- und 1990er-Jahren lag der Schwerpunkt in der Schweiz noch stark auf der Abfallsammlung. Die Abfälle wurden zur Behandlung nach Deutschland exportiert. Als ich in die Schweiz wechselte, wurde gerade das Umweltschutz- beziehungsweise Abfallrecht neu geregelt. In den ersten Jahren arbeiteten wir noch nach deutschen Verfahren, mussten diese aber an die schweizerischen Vorgaben anpassen. Das machte vieles recht komplex.
Schon damals waren wir im Laborbereich sehr aktiv und entwickelten Lösungen für den Umgang mit unterschiedlichen Abfallströmen. Mit den neuen gesetzlichen Regelungen wurden dann Bewilligungen und ein geeigneter Standort zu zentralen Voraussetzungen für die Tätigkeit als Entsorgungsunternehmen – beides mussten wir erst aufbauen.
Warum war es sinnvoll, eigene Behandlungskapazitäten in der Schweiz aufzubauen?
Der Wunsch nach einem eigenen Standort ergab sich aus den Bedürfnissen des Marktes. Insbesondere die Schweizer Galvanik- und Oberflächenbehandlungsbetriebe benötigten zuverlässige Entsorgungslösungen für ihre anorganischen Abfälle. So entstand die erste größere Behandlungsanlage für solche Abfälle in der Schweiz, an der zunächst noch Kantone beteiligt waren. Über die Jahre hinweg wurde das Unternehmen dann schrittweise privatisiert und entwickelte sich zu einem eigenständigen Entsorgungsbetrieb.
Wie hat sich das Thema Rohstoffgewinnung aus Sonderabfällen entwickelt?
Ein Beispiel sind Galvanikschlämme, Metallhydroxidschlämme und Salze aus der Oberflächenbehandlung. Aufgrund ihrer hohen Schwermetallgehalte galten sie lange als problematisch. In den 1970er-Jahren wurden sie noch gemeinsam mit dem Hauskehricht deponiert. Mit neuen gesetzlichen Vorgaben mussten jedoch dann neue Wege gefunden werden. Zunächst waren das die Immobilisation und Trocknung. Diese Vorgehensweise war allerdings kostenintensiv und brachte Risiken mit sich, sodass sie Anfang der 1990er-Jahre weitgehend aufgegeben wurde. Parallel dazu entwickelten sich dann echte Recyclingverfahren. Heute können aus solchen Abfällen Metalle wie Zink, Nickel oder Kupfer zurückgewonnen werden. Das zeigt sehr gut, wie sich der Umgang mit Sonderabfällen verändert hat: von der Deponierung hin zu einer weitgehenden Kreislaufwirtschaftführung von Rohstoffen.
Was hat Sie an Sonderabfällen über so viele Jahrzehnte hinweg derart fasziniert?
Mich hat an der Sonderabfallentsorgung immer die Dynamik fasziniert. Hatte man eine Herausforderung gelöst, tauchte die nächste auf. Im Laufe der Jahre rückten immer wieder neue Schadstoffe in den Fokus – von PCB über Quecksilber bis hin zu Asbest. Interessant war für mich vor allem die Frage: Warum entsteht dieses Problem und wie lässt es sich sicher lösen? Oft reichte es nicht aus, bestehende Verfahren anzuwenden. Stattdessen mussten wir neue Konzepte erarbeiten und teilweise sogar eigene Anlagen bauen.
Ich erinnere mich an kontaminierte Anlagen und Geräte aus einem Industriebetrieb in Basel. Für deren sichere Behandlung haben wir spezielle Dekontaminationsverfahren entwickelt. Ähnlich war es bei außergewöhnlichen Sonderabfällen. Ein Chemieunternehmen in Worms hatte mal einen großen Wärmetauscher zu entsorgen, der stark kontaminiert war mit Eisensulfat, das mit Nitrosylschwefelsäure getränkt war. Wir haben den Wärmetauscher per Bahn in die Schweiz geholt und ein Verfahren entwickelt, den Wärmetauscher zu öffnen und die stark rauchende Chemikalie zu entfernen und zu entsorgen.
Diese Vielfalt an Aufgaben und die Möglichkeit, für Probleme praktikable Lösungen zu finden, haben mich über all die Jahre motiviert.
Dieses lösungsorientierte Denken prägt die Chiresa auch heute noch. Würden Sie sagen, dass darin auch ein Teil Ihres Vermächtnisses liegt?
Das war auf jeden Fall nicht mein Alleinverdienst. Hinter solchen Entwicklungen steht immer ein Team. Mein Bruder, der auch im Unternehmen arbeitete, brachte beispielsweise viel Erfahrung aus der Materialtechnik mit und wusste genau, welche Werkstoffe für welche Chemikalien geeignet sind. Andere Kollegen brachten chemische und technische Expertise ein. Gemeinsam haben wir viele Konzepte entwickelt und diskutiert. Obwohl ich die Geschäftsführung innehatte, wurden wichtige Entscheidungen immer im Team gefällt. Die unterschiedlichen Fachkenntnisse und Blickwinkel haben geholfen, einzuschätzen, was technisch machbar und wirtschaftlich sinnvoll ist.
Sie sind bereits seit einigen Jahren in Rente. Nach einem so langen und engagierten Berufsleben: Kann man da überhaupt loslassen?
Ganz losgelassen habe ich nie. Mein Neffe arbeitet noch immer bei der Chiresa AG und gelegentlich erhalte ich Anrufe oder Rückfragen, wenn es um spezielle Fragestellungen geht. Dann freue ich mich natürlich, wenn ich meine Erfahrungen noch einbringen kann. Gleichzeitig gibt es Themen, die ich gerne noch intensiver begleitet hätte. Besonders spannend finde ich die Rückgewinnung von Rohstoffen aus Sonderabfällen. In gesammelten Leuchtstoffröhren lassen sich zum Beispiel seltene Erden zurückgewinnen – ein Bereich, der aus meiner Sicht noch großes Potenzial bietet.
Welche Rolle spielte der Austausch mit Behörden, Verbänden und dem Gesetzgeber während Ihrer Laufbahn?
Die Zusammenarbeit mit Behörden und Verbänden war während meiner gesamten Laufbahn sehr wichtig. Mit den zuständigen Behörden pflegten wir stets ein offenes, wechselseitiges Verhältnis. Besonders mit dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) standen wir regelmäßig im Dialog. Unsere praktischen Erfahrungen fanden dort Gehör.
Darüber hinaus habe ich mich viele Jahre in der Verbandsarbeit engagiert. Zu Beginn war ich in der Gesellschaft für Sonderabfall (GESO) aktiv, in der verschiedene Bereiche der Entsorgungswirtschaft vertreten waren. Später ging die GESO im Verband der Betreiber Schweizerischer Abfallverwertungsanlagen (VBSA) auf. Dort wurde ich als erste Frau in den Vorstand gewählt. Gemeinsam mit anderen Branchenvertretern haben wir an Rahmenbedingungen für die Branche gearbeitet.
Sie kennen sowohl die deutsche als auch die schweizerische Entsorgungsbranche sehr gut. Was fällt Ihnen im Vergleich auf?
Durch meine heutige ehrenamtliche Tätigkeit bei der Sammlung von Sonderabfällen aus Privathaushalten bekomme ich noch immer Einblicke in die Branche. Dabei fällt mir auf, dass die Kommunikation in der Schweiz wirklich sehr offen und transparent abläuft. Diese Kultur des Miteinanders habe ich schon früher geschätzt und nehme sie auch heute noch wahr.
Welchen Rat geben Sie der nächsten Generation in der Sonderabfallentsorgung mit?
Ich würde dazu raten, offen für neue Herausforderungen zu bleiben. In unserer Branche entstehen immer wieder neue Stoffströme und Anforderungen. Wir haben deshalb versucht, nie vorschnell „Nein“ zu sagen, sondern uns mit neuen Themen auseinanderzusetzen und nach Lösungen zu suchen.
Das war beispielsweise bei Elektrobatterien der Fall. Dort mussten zunächst Konzepte entwickelt und neue Wege gefunden werden. Dabei haben wir immer den Austausch mit anderen Unternehmen gesucht – auch über Landesgrenzen hinweg mit Partnern aus Deutschland oder Frankreich. Und das immer mit dem Ziel, etwas Eigenes für die Schweiz aufzubauen.
Wo wir gerade bei den Zukunftsthemen sind: Wie schätzen Sie die Bedeutung von PFAS ein?
PFAS werden die Branche in den kommenden Jahren stark beschäftigen. Es handelt sich um ein anspruchsvolles und wichtiges Thema, das große Aufmerksamkeit und den nötigen Weitblick verdient. Entscheidend wird es sein, praktikable und langfristig tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Liebe Frau Kaiser, Sie haben sich in einer Branche engagiert, in der Frauen in Führungspositionen lange die Ausnahme waren. Welchen Tipp würden Sie Frauen oder Quereinsteigerinnen geben, die heute ihren Weg in der Sonderabfallentsorgung gehen möchten?
Mein großer Vorteil waren meine fachlichen Kenntnisse. Ich hatte sowohl einen chemischen Hintergrund als auch kaufmännisches Wissen. Diese Kombination hat mir sehr geholfen. Anerkennung gewinnt man vor allem durch Kompetenz. Genauso wichtig war die praktische Arbeit: Ich war oft im Betrieb und habe auf allen Ebenen mitgearbeitet. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich immer Stapler gefahren bin – damals brauchte man dafür noch keinen Führerschein. Auch die ersten Schadstoffsammlungen in Baden-Württemberg haben wir früher noch selbst auf dem Lkw durchgeführt. Dadurch habe ich Erfahrungen gesammelt, die in keinem Lehrbuch stehen.
Entscheidend ist, dass man Interesse zeigt, Verantwortung übernimmt und bereit ist, mit anzupacken. Mein Rat an junge Frauen und Quereinsteigerinnen lautet also: Fachwissen aufbauen, praktische Erfahrungen sammeln und immer neugierig bleiben. Leidenschaft und Begeisterung für die Aufgabe öffnen oft mehr Türen als jeder Studienabschluss.
Vielen Dank für das Gespräch!
Bildnachweis: Ursula Kaiser